März 062011
 

Ich gestehe: ich hatte nicht nur einen, sondern gleich zwei Blog-Einträge zum Thema im Entwurfsordner, während Guttenberg noch im Amt war. Veröffentlichungsfähig war keiner von beiden, der eine wegen einem Recherchefehler zum Thema Betrug, der andere wegen grober Unsachlichkeit 😀

Verkneifen kann ich mir aber nicht, nun doch noch darüber zu posten – vor allem angesichts der gestrigen (Gegen-) demonstrationen. Ich habe nicht teilgenommen, weil es mir zu blöd war, für oder gegen einen vermuteten Fälscher zu demonstrieren, der zufällig die Unterstützung der Bildzeitung genießt und es geschafft hat, sich – wie auch immer – in ein politisches Amt wählen zu lassen.

Muß aber richtig lustig gewesen sein. Jetzt tut es mir fast leid, daß ich nicht da war…

Was die Demos aber deutlich gezeigt haben: so groß, wie sie der Axel-Springer-Verlag gerne erscheinenen lassen möchte, ist die Unterstützung für den Ex-Doktor wahrhaftig nicht. Die größere politische Energie haben auf jeden Fall seine Gegner – und das sind in diesem Fall sicher nicht die Abgeordneten Von SPD, Linken und Grünen, die sich den Volkszorn gegen den Missetäter nur allzu gerne zu Eigen gemacht haben, um damit ihre politischen Gegner zu schwächen. Es sind Sudenten und Akademiker jedweden Jahrgangs, die sich zu Recht verschaukelt fühlen.

 

Um es klar zu stellen: sollte Guttenberg rechtskräftig wegen Urheberrechtsverletzung oder gar Betrugs verurteilt werden (das Erste ist sicher, das Zweite eher nicht), hat er eine Vorstrafe und ist damit nicht mehr für ein politisches Amt geeignet. Denn im Gegensatz zu der von Bild und anderen Unterstützern propagierten Meinung handelt es sich keinesfalls um Kavaliersdelikte, sondern um knallharte Straftaten, die  bewußt und ohne Rücksicht auf die Rechte anderer nicht nur in Kauf genommen, sondern aktiv begangen wurden.

Etwas possierlich hört sich das Argument der Guttenberg-Fans an, daß jeder eine zweite Chance verdient.

Ich stimme dem grundsätzlich zu. Allerdings setzt eine solche zweite Chance meiner Meinung nach voraus, daß der Betroffene zunächst seine Schuld eingesteht und sich dann auch seiner gerechten Strafe stellt.

Beides läßt Guttenberg schmerzlich vermissen. Unter größtmöglichem öffentlichen Druck gab er zu, ‘Fehler’ gemacht zu haben. Kein Geständnis, sondern eine gewollte Verharmlosung! Erst als klar wurde, daß auch die Kanzlerin ihn nicht würde retten können, trat er zurück. Noch immer versuchen seine Familie, die Kanzlerin und die Bildzeitung, die gefälschte Doktorarbeit als ‘kleine Schummelei’ hinzustellen.

Von der Schwere des Delikts mal abgesehen: die mutwillige Fälschung seiner Doktorarbeit offenbart einen unlauteren Charakter und eine Neigung, sich durchzumogeln. Die offensichtlichen Lügen der letzten beiden Wochen machen deutlich, wie genau der ehemalige Verteidigungsminister es mit der Wahrheit nimmt. Und sein kläglicher, erzwungener Abgang, das Fehlen jeglicher Spur von Reue in seiner Abtrittsrede lassen klar werden, daß Guttenberg nur an einem interessiert ist: sich selbst.

 

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Feb. 212011
 

Freilassung der inhaftierten Reporter – Entschuldigung an Iran – Medien – sueddeutsche.de.

Deutschland entschuldigt sich bei einem totalitären Regime. Außenminister Westerwelle tritt den Gang nach Teheran an, um dort – mit schönen Gesten, einem Entschuldigungsschreiben des Verlags, und viel Geld – die Freilassung der beiden Journalisten des Springer-Verlags zu erwirken, die sich durch Ihr verantwortungsloses, nach lokalem Recht illegales Wirken in eine böse Lage gebracht haben. Eine größere Blamage, einen herberen Rückschlag für die deutsche Außenpolitik kann man sich kaum vorstellen.

Da kann man nur sagen: “Danke, lieber Springer-Verlag!”

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Mai 202007
 

Für Kurzsichtige Computerkids wie mich ist das mit den Sonnenbrillen so eine Sache. Normale Sonnenbrillen gehen einfach nicht, weil sie keine Sehstärke haben. Da bleibt nur die teure Spezialanfertigung vom Optiker, und die sieht dann doch meist sehr nach normaler Brille aus…

Letztens habe ich mir eine Lochbrille zugelegt – ganz billig bei ebay. Wer’s nicht weiß: eine Loch- oder Rasterbrille enthält statt Brillengläser zwei schwarze Plastikscheiben, die in Form eines Gittermusters („Raster“) mit winzigen Löchern durchbohrt sind. Durch die veränderte Brechung des Lichts an den Lochrändern sieht man tatsächlich schärfer. Das gelegentliche Tragen einer Rasterbrille hat einen gewissen Trainingeffekt für die Augen.

Nur – das Ding ist soo häßlich. Sieht aus wie eine US-amerikanische Pilotenbrille von Anno Dazumal.

Da die Brille nicht zum Auto- oder Radfahren geeignet ist (dafür verdunkelt sie das Blickfeld zu stark) kann man sie eigentlich nur als Sonnenbrille tragen. Aber damit auf die Straße gehen? Nöö.

Nachdem ich aber feststellte, daß sich das weiche Plastik der Rastergläser wunderbar mit einer Scheere bearbeiten läßt, gab es kein Halten mehr. Ich drückte die Gläser aus meiner alten Sonnenbrille heraus und nahm sie als Vorlage, um aus den übergroßen Rasterlinsen die passende Form für das wesentlich schickere Gestell meiner Sonnenbrille herauszuschneiden. Dann nur noch eindrücken und – fertig.
Heraus kam das da:

Na, das ist doch was? Flüchtig von außen betrachtet, sieht diese Brille wie eine ganz normale Sonnenbrille aus. Und ich sehe damit hinreichend scharf, um nicht über meine Füße zu stolpern und – ganz wichtig – meine Nachbarn, Freunde und Bekannten zu erkennen…

 Posted by at 11:15
Apr. 102007
 

Es wird mal Zeit für ein kleines Update. Schließlich habe ich in meinem vorletzten Eintrag von meiner Kündigung durch S. berichtet und man sollte so etwas nicht einfach stehen lassen. Jeder kann sich zwar denken, daß ich einen neuen Job habe (tatsächlich habe ich lückenlos weitergearbeitet), aber man sollte schließlich auch die positiven Dinge festhalten…

Inzwischen arbeite ich seit über einem halben Jahr bei einem Startup. Manchmal etwas anstrengend, aber sehr spannend. Vor allem, da ich damit meinen ursprünglichen Wunsch, in der Sicherheitsbranche zu arbeiten, vollständig erfüllt habe (tatsächlich sind wir sogar im Hochsicherheitsbereich tätig – das ist fast mehr, als ich gewollt habe ).

Im Moment genieße ich gerade meinen ersten richtigen Urlaub und habe Zeit, ein bißchen zu rekapitulieren und viele vernachlässigte Dinge nachzuholen – mal wieder bloggen, mich in diversen Foren melden, Inline-Skaten, an meinem Roman weiterschreiben usw.

Da kann eine Woche Urlaub schon ganz schön knapp werden…

 Posted by at 11:19
Sep. 012006
 

Jetzt ist es also offiziell: meine Firma hat mich (und den Rest meiner Abteilung) gekündigt und entwickelt das Produkt jetzt in Indien weiter. Mehr Kommentare hab ich dazu nicht abzugeben, weil ich noch einige formale Dinge mit dem Verein zu klären habe und deshalb nicht sagen kann, was ich davon halte. Einen kurzen Absatz gibt es auch auf Heise dazu (der richtige Produktname ist übrigens ‘LiveState Delivery’ – etwas peinlich für eine so renommierte Seite, genauso wie für die verantwortliche Nachrichtenagentur).

 Posted by at 10:18
Mai 172006
 
Author: Tom Murphy VII - licensed under cc-by-sa Tom Murphy VII CC BY-SA

„Ich habe bewiesen, daß es Gott nicht gibt“, sagte der Wissenschaftler, der hinter seinem großen grauen Schreibtisch in seinem weichen grauen Polsterstuhl saß.
„Wie interessant“, sagte Gott und trat neugierig näher an die Arbeitsfläche. Er warf einen Blick auf Taschenrechner, Füller, Bleistift und Radiergummi, die aufgereiht wie mit einem Lineal auf der grauen Platte lagen. Daneben: ein sorgfältig ausgerichteter Stapel Papier, beschriftet mit winzigen, schwer leserlichen Reihen von Zeichen.
„Das sieht aus wie Mathematik.“
Der Wissenschaftler nickte, müde lächelnd. „Das ist es auch! Die höchste Mathematik, die man sich nur vorstellen kann. Die Sprache des Universums!“
„Aber“, sagte Gott, „irgend etwas kann damit doch nicht stimmen, oder?“
„Nicht stimmen?“ Der Wissenschaftler beugte sich in seinem grau gepolsterten Stuhl nach vorne und sah Gott zum ersten Mal direkt an. „Natürlich stimmt es. Ich bin schließlich Wissenschaftler! Sie können mir glauben, daß ich alle Untersuchungen und Berechnungen mit peinlicher Genauigkeit durchgeführt habe.“ Erbost starrte er Gott an. „Verstehen Sie überhaupt etwas von der Materie?“
Gott zuckte ein wenig hilflos die Schultern. „Nicht so richtig. Trotzdem kommt es mir so vor, als müsse an dem Ergebnis etwas falsch sein.“
„Sie sind also ein Laie.“ Der Wissenschaftler seufzte, lehnte sich wieder zurück und ließ die Rollen seines Stuhls quietschen. „Fast hätte ich’s mir denken können. Laien meinen immer, daß sie solche Fragen aus dem Bauch heraus beantworten können, und scheren sich dabei einen Dreck um die Grundsätze der Empirie. Sehen Sie“, sagte er dann in etwas versöhnlicherem Tonfall, „ich habe es ja zuerst auch kaum glauben können. Es war ein Zufall, eine glückliche Fügung, die mich die eine große Formel entdecken ließ – den endgültigen Beweis der Nichtexistenz dessen, was wir als Gott bezeichnen.“
Er räusperte sich. „Ich habe Kopien meiner Arbeit an die bedeutendsten Mathematiker dieser Welt geschickt. Sie alle haben mir bestätigt, daß der Beweis absolut fehlerfrei und über jeden Zweifel erhaben ist.“
Einen Moment lang wußte Gott nicht, was er sagen sollte. Er glaubte dem Wissenschaftler, und noch mehr glaubt er allen Wissenschaftlern zusammen. Trotzdem blieben gewisse Zweifel an der Richtigkeit dieses Beweises, und er mußte eingestehen, daß er ein persönliches Interesse an der Aufklärung dieses Sachverhaltes hatte. Also nahm er seinen Mut zusammen und fragte:
„Darf ich auch mal nachrechnen?“
„Sie?“ fragte der Wissenschaftler. „Sie sind unqualifiziert, und sie verstehen nicht einmal die Grundlagen.“ Er deutete erbost auf das Bücherregal, das eine Seite des Raumes komplett einnahm und von der Decke bis zum Boden mit grauen, abgegriffenen Bänden gefüllt war. „Wissen Sie, wie lange man lernen muß, um all das zu verstehen?“
„Ich habe gerade ein wenig Zeit“, sagte Gott bescheiden. „Vielleicht dürfte ich mich ja für ein paar Tage oder länger hier niederlassen und Ihr Handwerk studieren, um dann später… nachzurechnen?“
Er wartete atemlos auf einen Hinauswurf, aber der Wissenschaftler runzelte nur die Stirn und dachte einen langen Moment nach. Dann lächelte er gutmütig und sagte: „Warum eigentlich nicht? Ich bin schließlich verpflichtet, den Wissensdurst jener zu fördern, die nach mir kommen. Außerdem: ob der Größe meines Werkes bleibt mir sowieso keine andere Wahl, als mich zur Ruhe zu setzen.“ Mit einer großzügigen Geste schob er Gott den Taschenrechner hin, bezeichnete ein Buch in dem Regal, daß er für einen geeigneten Beginn hielt, und verließ das Zimmer. Der graue Polsterstuhl wippte noch ein wenig.
Gott machte sich an die Arbeit. In der Schublade des Schreibtischs fand er leeres Papier zum Schreiben. Er nahm das Buch aus dem Regal, las es, machte sich Notizen und ging dann zum nächsten über. Hin und wieder wagte er einen Blick in den losen Stapel Blätter, der den Beweis enthielt, und jedes Mal verstand er ein wenig mehr.
Irgendwann verstand er alles, und er machte sich ans Nachrechnen. Er mußte jetzt häufig niesen, weil sich in dem Zimmer mittlerweile eine dicke Staubschicht angesammelt hatte.
Es war schwierig, den genialen Winkelzügen des Wissenschaftlers zu folgen, aber es gelang ihm. Als er fertig war, begann er von vorne. Und wieder, und wieder, und wieder, bis er endlich sicher war.
Alles war richtig. Es gab keine Fehler, keine Ungenauigkeiten, keinen Spielraum. Gott legte den Taschenrechner beiseite, wippte in dem gepolsterten Sessel hin und wartete darauf, daß er sich auflöste. Aber nichts geschah – nur die Rollen des Stuhls quietschten.
„Ich verstehe das nicht“, murmelte er vor sich hin. „Der Beweis ist hier. Ich bin hier. Aber ich bin mir völlig sicher, daß es einen von uns beiden nicht geben kann. Das ist doch logisch, oder?“

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