Jan 092010
 

Aus gegebenem Anlaß wird wieder über die Schweinegrippe diskutiert — nicht obwohl, sondern gerade weil das Interesse an dem Thema so stark abgeflaut ist. Denn die erwartete Pandemie ist ausgeblieben – nicht nur das, die Zahl der an einer H1N1-Infektion verstorbenen ist auch wesentlich geringer als bei einer normalen Influenza (s. z.B. Experte warnt vor Viren-Hysterie auf spiegel.de).

Sieht man sich die Zahlen an, die von besonders stark bzw. früh betroffenen Ländern wie z.B. Mexiko präsentiert werden, fragt man sich leicht, ob all das nur heiße Luft war – eine Frage, die inzwischen viele Menschen stellen und die die beteiligten Organisationen – d.h. Regierungen und nationale und internationale Gesundheits-Institute und -Vereinigungen zu mehr oder minder verzweifelt anmutenden Erklärungen provoziert:

Trotz der weiter sinkenden Infektionszahlen bei der Schweinegrippe hält der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Jörg Hacker, die Impfungen weiterhin für sinnvoll. Er sagte im ARD-“Morgenmagazin”, bislang habe es in Deutschland 159 Todesfälle gegeben. “Das Virus ist noch unter uns.” Mann könne “nicht ausschließen, dass das Virus im Februar oder März noch einmal wiederkommt”. Vor allem chronisch Kranke und Medizinpersonal sollten sich impfen lassen. Es sei richtig, dass das Medikament Pandemrix schnell entwickelt und zugelassen worden sei und jetzt zur Verfügung stehe. (Hamburger Abendblatt)

Oft und gerne wird auch gerne die Statistik bemüht, um ein möglichst dramatisches Bild des Vorgefallenen zu zeichnen und so die eindringlichen Warnungen der Vergangenheit zu rechtfertigen:

*** Die US-amerikanische Seuchenkontrollbehörde CDC hat eine neue Zählweise der Schweinegrippe-Toten eingeführt. Es werden jetzt auch Todesfälle durch Sekundär-Infektionen nach Schweinegrippe-Erkrankungen mitgezählt und solche, bei denen eine Infizierung mit dem H1N1-Virus nicht explizit nachgewiesen wurde. Dadurch hat sich die Zahl der Schweinegrippe-Toten in den USA sprunghaft erhöht. Das bedeutet jedoch nicht, dass dort aktuell mehr Menschen an der Schweinegrippe gestorben sind. Die aktuelle Zahl stammt vom 10. Dezember. (Deutsche Ärztezeitung, Schweinegrippe: Aktuelle Daten und Zahlen und Neue Zählmethode: 540 US-Kinder starben an Schweinegrippe)

Ich stelle hier in meinem Blog gerne Fragen, die in dieselbe Richtung zielen wie manche Verschwörungstheorien. Ich weiß das und hüte mich deshalb davor, diese Fragen auch zu beantworten – ich stelle sie nur und überlasse es möglichst dem Leser, sich eine eigene Meinung zu bilden. Aus diesem Grund schreibe ich auch erst jetzt etwas zum Thema Schweinegrippe, obwohl mir folgender Artikel schon vor einiger Zeit über den Weg gelaufen ist: Holländer Autor der neuen Grippen?

Es ist anzumerken, daß zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikel keinerlei Belege für die gemachten Behauptungen zu finden waren – alle Blogs, die diese Story brachten, referenzierten zu irgendeinem Zeitpunkt den besagten Artikel. Inzwischen ist allerdings durch seriösere Quellen  belegt, daß in Holland tatsächlich gegen Dr. Osterhaus ermittelt wurde und daß das dortige Parlament demnächst eine Resolution zur Offenlegung von Verbindungen seiner Berater mit privatwirtschaftlichen Interessensgruppen verabschieden wird:

The House of Representatives of the Netherlands today rejected a motion asking the government to sever all ties with virologist Albert Osterhaus of Erasmus Medical Center in Rotterdam, who had been accused of conflicts of interest in his role as a government adviser. But Dutch health minister Ab Klink, meanwhile, announced a “Sunshine Act” compelling scientists to disclose their financial ties to companies. (SienceInsider Roundup 11/13, s. auch In Holland, the Public Face of Flu Takes a Hit)

Ich bin jetzt ein wenig abgeschweift und habe mehr oder weniger nur das wiederholt, was weltweit zum Thema Schweinegrippe gebloggt wird. Ich habe aber auch einen eigenen Aspekt hinzuzufügen, bei dem es sich um das Thema Glaubwürdigkeit dreht.

Glaubwürdigkeit ist ein Maß der Bereitschaft des Adressaten, eine Aussage, Aktion, oder ein Bild einer Person, Organisation oder anderen Quelle anzunehmen und zu Vertrauen. Glaubwürdigkeit ist von zentraler Bedeutung für die Wirksamkeit von Handlungsmotiven, und spielt in der Soziologie im allgemeinen, speziell in Öffentlichkeitsarbeit, Marktforschung und Meinungsforschung (Public Relations) eine wichtige Rolle, aber auch in der Rechtslehre. (s. Artikel auf Wikipedia)

Der hier zitierte Wikipedia-Artikel ist leider recht knapp und verzichtet darauf, die Möglichkeit eines Verlustes von Glaubwürdigkeit zu erläutern oder auch nur näher darauf einzugehen, wie man Glaubwürdigkeit erwirbt. Ich bin deshalb so frei, zu diesen beiden Punkten meine eigene Definition hinzuzufügen:

Glaubwürdigkeit wird dadurch erworben, daß die eigenen Aussagen wiederholt mit der Realität übereinstimmen. Sie geht verloren, wenn die eigenen Aussage wiederholt nicht mit der Realität übereinstimmen.

Zurück zum Thema Schweinegrippe. Ihr voraus ging die Vogelgrippe, gegen die – obwohl eine Ansteckung des menschen extrem unwahrscheinlich ist, eine fast ebenso großes Medienecho sowie den Kauf von Impfstoffen provozierte.

Die Älteren unter uns erinnern sich sicher auch noch an BSE. Die Bovine spongiforme Enzephalopathie ‘grassiert’ seit dem Jahr 2001 (vor allem in den Medien) und verursachte bis 2004 eine an Hysterie grenzende Panik. Nachdem aber die Zahl der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankungen (so heißt eine ähnliche Krankheit beim Menschen, der Zusammenhang mit dem Verzehr von infiziertem Rindfleisch ist aber bis heute nicht nachgewiesen worden) nur marginal anstieg, beruhigte sich die Weltöffentlichkeit wieder. Rindfleisch wird – obwohl die Krankheit bei den Herdentieren kaum als ausgerottet gelten kann – in gewohntem Maß gegessen.

Erdmännchen in Aufpasser-Position

Erdmännchen in Aufpasser-Position

Das Bild mit dem Erdmännchen habe ich nicht nur deshalb hier eingefügt, weil es putzig aussieht. Das wachende Erdmännchen sitzt da und beobachtet aufmerksam die Umgebung, während der Rest der Familie frißt, faulenzt und spielt. Nähert sich ein Raubtier, warnt es seine Artgenossen, woraufhin sich alle hurtig in den Bau flüchten.
Was passiert aber, wenn das wachende Erdmännchen ein Panikhase ist, der bei dem leisesten Windzug durch das Gestrüpp zu pfeifen beginnt? Was passiert, wenn die Familie zum zehnten Mal unter extremem Adrenalinausstoß unter die Erde geflüchtet ist?
Ganz klar: der Wachmann wird nicht mehr ernst genommen. Er hat seine Glaubwürdigkeit verloren.
Zeit, ihn durch ein anderes, weniger leicht erregbares Exemplar zu ersetzen. Tut man das nämlich nicht, so fängt die Sippe an, den Warnungen gegenüber abzustumpfen. Das ist ganz normal: jede Population wird früher oder später immun gegen Einflüsse, denen sie permanent oder auch nur wiederholt ausgesetzt ist. Das kann für eine Erdmännchenfamilie aber extrem schlecht ausgehen: dann, wenn eine echte Gefahr droht.

Um dies auf unsere menschliche Realität zu übertragen: kommt morgen oder in einem Jahr eine echte Pandemie auf uns zu, so werden erheblich mehr Menschen daran sterben als nötig. Denn niemand hört auf Wächter, die ständig unnötig warnen. Kommt einmal die Zeit, zu der wir die Warnung dringend brauchen, dann müssen sich Politiker und Medien den Vorwurf gefallen lassen, versagt zu haben – weil sie, als Wächter, ihre Glaubwürdigkeit verloren haben und nicht mehr gehört werden.

Deshalb mein persönlicher Aufruf an Politik und Medien: nehmt Euren Job als Wächter wieder ernst! Dazu gehört auch, Informationen mit einer gewissen Vorsicht weiterzugeben und nicht vorbehaltlos alles in die Welt hinauszuschreien, was irgendwie bedrohlich sein könnte. Zumindest sollten Warnungen mit angemessener Lautstärke erfolgen. Nur weil in fünfhundert Metern Entfernung eine Hyäne vorbeischleicht, braucht man noch nicht die ganze Sippe aufzuscheuchen. Aufmerksamkeit seitens des Wächters genügt.

P.S.: Ein guter Artikel zum Thema, der mich auch zu diesem Kommentar angeregt hat, ist auf Telepolis erschienen: Die Folgen der Schweinegrippe.