Mär 232013
 
A_stack_of_newspapers (author: Daniel R. Blume, licensed under cc-by-sa-2.0) Daniel R. Blume CC BY-NC-SA

Mal ehrlich: vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, ist die Einstellung des Readers möglicherweise die richtige Entscheidung. Der typische Mainstream-Konsument, der dieser Tage die Hauptzielgruppe des Konzerns darstellt, liest kein RSS (übrigens das Kürzel für den etwas sperrigen Begriff ‘Really Simple Syndication’); er will sich seine Nachrichten nicht selbst zusammenstellen, sondern sich von seiner Lieblings-App einfach bedienen lassen. Unwichtig, ob die Nachrichten dabei vielleicht zu kurz, zu einseitig oder schlicht und einfach ungenügend recherchiert sind.
Tatsache ist aber: es gibt immer noch unendlich viele Nutzer, vor allem unter der etwas älteren, netzwerk-affinen Generation, zu der sich vor allem Informatiker und Journalisten zählen, aber auch andere Akademiker aller Couleur. Diejenigen, die großen Wert darauf legen, Nachrichten aus bekannten, vertrauenswürdigen Quellen zu erhalten, die sie selbst bestimmen.

Diesen Benutzerkreis verprellt Google. Vollständig. So mancher wird sich sicher überlegen, ob die Entscheidung für den Reader als zentrale News-Plattform weise war.
Des Weiteren hat sich um den Reader ein gewaltiges Ökosystem an Programmen und Apps gebildet, die ohne den Service gar nicht existieren können, da sie ihn als zentrales Repository verwenden. In die Programmierung dieser Anwendungen sind hunderte und tausende von Arbeitsstunden geflossen; manche sind kommerziell und tragen nicht unerheblich zum Einkommen ihrer Schöpfer bei. Diese Leute trifft Google hart und unerbittlich an der Stelle, wo es am meisten weh tut: ihnen wird ein Teil ihrer Existenzgrundlage genommen.

Selbst schuld? Teilweise schon. Wer sein Haus auf Grund baut, der in ein paar Jahren zum Opfer einer Autobahn werden könnte, handelt unklug. Da der Grund jemand anderem gehört, noch dazu einem gewinnorientierten Konzern, ist so etwas sogar wahrscheinlich.

Allerdings: eben dieser Konzern versucht uns seit Jahren dazu zu bringen, möglichst viele unserer Häuser auf eben seinem Territorium zu errichten, und weil das Land gar so schön und fruchtbar ist, tun wir das auch.
Aber jetzt hat uns Google selbst gezeigt, in welche Abhängigkeit wir uns damit begeben. Hier wird eine Autobahn gebaut – sorry, Leute. Eure Häuser bringen uns nicht genug Geld, und Eure Geschäfte müßt Ihr halt woanders aufmachen.

Mit der Einstellung des Readers stellt Google also das eigene Geschäftskonzept in Frage – und zwar gründlich. Was heute mit dem Reader geschieht, könnte in ein paar Jahren ebenso der Mail-, Kalender- oder Maps-Applikation blühen. Zugegeben: so lange genug Massenkonsumenten die Dienste verwenden, ist das unwahrscheinlich. Aber wie steht es mit weniger genutzten? Earth, Sketchup, Books, Movies? Gerade die letzteren beiden sind eine kitzlige Geschichte – schließlich hat so mancher von uns Geld in Bücher und Filme investiert, die beim Ausfall der Dienste dank DRM nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Das gibt einem richtig zu denken, oder?