Jul 302011
 

Die Anschläge von Oslo haben 76 Tote gefordert. Was ist passiert? Ein Geistesgestörter, stark beeinflußt von rechtspopulistischem bzw. -radikalem Gedankengut, hat auf einem Bauernhof irgendwo in Norwegen Bomben gebaut und diese im Regierungsviertel von Oslo gezündet. Danach fuhr er zu der Insel Utöya und ermordete dort 68 Teilnehmer eines Jugendcamps der solzialistischen Arbeiterpartei.

Utøya_2 Paal Sørensen 2011 CC BY-SA

Während die norwegische Regierung trotz des landesweiten Schocks mit Besonnenheit auf die Anschläge reagiert, werden hierzulande schon wieder Rufe nach verschärfter Sicherheit laut. Insbesondere die Vorratsdatenspeicherung wird als Allheilmittel gegen terroristische Anschläge aller Couleur gepriesen, was schlicht und einfach Blödsinn ist: jeder mit einem Minimum an Fachkenntnis kann sich sehr schnell ausrechnen, warum solch ein Instrument bestenfalls bei der Aufklärung, niemals aber bei der Verhinderung von Anschlägen helfen kann.

Das Gleiche gilt für die Rasterfahndung. Angenommen, eine totale Überwachung jedweden Gedankenguts, das im Internet veröffentlicht bzw. per email, SMS oder der guten alten Snail-Mail versendet wird, wäre möglich: wer bitte soll hier entscheiden, was von einem echten Terroristen stammt und was von einem Jugendlichen, der mal probiert, wieviel Aufmerksamkeit er erregen kann? Mal davon abgesehen: die meisten Terroristen sind schlau genug, *zuerst* ihre Anschläge zu begehen und sich *danach* dazu zu bekennen.

Tatsache ist: Man kann Anschläge nicht verhindern, genau so wenig, wie man verhindern kann, im Münchner Westpark Opfer eines Raubüberfalls zu werden. Die Polizei und die zugehörigen staatlichen Instrumente sind dafür da, einen bestimmten *Grad* an Sicherheit zu gewährleisten. Raubüberfälle im Münchner Westpark sind tatsächlich ziemlich unwahrscheinlich, ebenso wie ein Mann, der in ein Jugendcamp fährt und dort gezielt Leute erschießt. Dennoch kann beides geschehen, und es gibt dagegen keinen hundertprozentigen Schutz.

Auch in Zukunft werden Menschen bei Verkehrsunfällen sterben, Krebs bekommen oder Opfer von Raubüberfällen sein. Auch in Zukunft kann ein Geistesgestörter Sprengstoff aus Dünger und Waschmittel zusammenmixen, sich eine Knarre besorgen und damit Leute erschießen.

Tragische Vorfälle wie die Anschläge von Oslo vermitteln ein Gefühl der Hilflosigkeit und, daraus resultierend, Angst. Ein unangenehmes Gefühl, eines, das die Lebensqualität stark mindert. Man will es loswerden. Man will etwas tun, um keine Angst mehr haben zu müssen.

Das Tragische am menschlichen Dasein ist, daß sich die Angst meistens schon mindert, wenn man
irgendetwas tut – durch puren Aktionismus. Dieses ‘Wir tun was’-Gefühl hilft meistens in etwa bis zur nächsten Katastrophe. Wirklich verhindern können wir damit aber nichts.

Ich möchte damit nicht ausdrücken, daß man klare Defizite in Sachen Sicherheit nicht beseitigen sollte. Im Fall B. hat es solche Defizite aber schlicht und einfach nicht gegeben, und deshalb läßt sich auch nichts Grundlegendes verbessern. Die schmerzhafte Botschaft dieses Blogeintrags ist deshalb: die Angst, welche die Anschläge von Oslo und Utöya in uns hervorgerufen haben, kann nicht durch Verbesserung unserer Sicherheit gemindert werden. Natürlich: wir könnten aufhören, unsere Kinder in Jugendcamps zu schicken. Wir könnten jede größere Veranstaltung durch eine Hundertschaft an Polizisten mit Maschinenpistole bewachen lassen. Aber – von der Frage unserer persönlichen Freiheit mal ganz abgesehen – erreichen werden wir damit nicht viel, außer vielleicht einem persönlichen Gefühl des ‘Wir tun was.’. Letzten Ende bleibt gegen die Angst nur das, was Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten getan haben: auch, wenn an jedem Tag ein neues Unglück geschehen kann, man muß seine Angst beherrschen und sein Leben trotzdem weiterleben.