Mär 242013
 
Paparazzo-style_photographs_(2009_fake) Wolfgang H. Wögerer, Wien CC BY-SA

Ist es Ihnen schon mal passiert, daß ein Fremder mit vorgehaltener Kamera auf Sie zugelaufen ist und Sie dabei ununterbrochen fotografiert hat?

Nein?
Wahrscheinlich nicht. Die meisten Menschen wissen nämlich, daß ein solches Verhalten den grundsätzlichen Regeln der Höflichkeit widerspricht. Genau genommen gilt es als grobe Unverschämtheit, jemanden ohne vorherige Einwilligung zu fotografieren oder zu filmen (nur am Rande: die Veröffentlichung solcher Bilder ist sogar gesetzlich geregelt, durch das ‘Recht am eigenen Bild’).

Spinnen wir die Geschichte mal weiter: nehmen wir an, die Kamera dieses aufdringlichen Menschen wäre mit seinem Mobiltelefon verbunden und dieses Telefon würde über einen automatischen Abgleich mit Diensten wie Flickr, Picasa und Facebook automatisch ähnliche Bilder finden und sofort die Namenstags auf dem Bildschirm anzeigen, die irgend jemand aus Ihrem weiteren Bekanntenkreis eingetragen hat.

Ganz richtig: ein völlig Fremder hat Sie soeben fotografiert, identifiziert und alles über Sie erfahren, was es im Internet über Sie zu wissen gibt.
Sie haben nichts zu verbergen? Wirklich nicht? Stehen Sie gerade etwa zufällig vor dem Schaufenster von Orion oder Beate Uhse? Was machen Sie da eigentlich?

Genau das ist ‘Google Glass’. Eine Brille mit eingebauter Kamera, die alles aufnimmt, was der Benutzer sieht – und es gleich an Google weiterleitet. Auswertet. Katalogisiert. An Werbefirmen weiterverkauft.

Noch ist das Ganze nicht Wirklichkeit. Aber geht es nach dem Willen der Internet-Konzerne, wird es das bald sein. Google Glass ist das erste solche Projekt. Jede dieser Brillen wird ein Fenster sein, durch den der Internetkonzern in Echtzeit Daten aus der realen Welt abgreift. Was bei Street View so viel unnötigen Wirbel verursachte, nämlich die (damals noch eingebildete) Erfassung des gesamten öffentlichen Lebens, wird damit Realität.
Denn das ist es, was die Kamera-Brille wirklich ist: Millionen Augen für Google (oder für Microsoft, für Apple, für den Verfassungsschutz – je nach Anbieter). Das Ende jeder Anonymität.

Die Firma erlaubt sich mit dem Namen sogar noch – vielleicht unfreiwillig – einen bösen Scherz. Die meisten glauben, er sei von ‘Glasses’ (= Brille) abgeleitet. Dem besorgten Datenschützer drängt sich eine ganz andere Interpretation auf: durch ‘Glass’ wird (für Google) alles vollkommen transparent.

Einige sagen schon: so wie es heute sozial verträglich ist, in der Öffentlichkeit zu telefonieren, wird es auch bald das Tragen einer Daten- und Kamerabrille sein. Stimmt schon – der Nerd-Faktor einer solchen Brille nimmt ab, zumindest, wenn irgendwann auch das modische Design stimmt. Aber was ist mit der sozialen Komponente? Wollen wir alle zu Paparazzi werden? Sollen auch die grundlegenden Regeln unseres Zusammenlebens der Technologie und dem Datenhunger der Konzerne weichen?

Persönlich galube ich nicht, daß das passieren wird – zumindest nicht hier in Deutschland. Google Glass und vergleichbare Technologien werden bei uns extremen gesetzlichen Einschränkungen unterworfen sein, und das ist auch gut so. Denn bei aller Technologie-Begeisterung sollten wir nicht vergessen, daß kein Mensch an jedem Ort und zu jeder Zeit beobachtet, katalogisiert und – vor allem – beurteilt werden will.

Update

Im Netz gibt es bereits eine Initiative gegen das Projekt: Stop the Cyborgs. Auch das The 5 Point Cafe in Seattle hat vorsorglich einen Bann gegen die Brillen ausgesprochen.
Ein interessanter Bericht steht außerdem auf der Süddeutschen Zeitung, z.B. darüber, wie ein Glass-Testnutzer unbemerkt in einem Starbucks-Café filmte.

 Posted by at 12:35

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