Sep 222018
 

Ich hatte gerade das Vergnügen, den Spiegel-Artikel zum Buch von Timothy Snyder:
Der Weg in die Unfreiheit zu lesen. Darin versucht der Autor zu zeigen, daß an der gesamten Misere der westlichen Demokratien nur ein Mann schuld ist: Wladimir Putin.

Auch wenn ich das Buch jetzt nicht gelesen habe – die Behauptung an sich ist starker Tobak und verklärt Putin zu einer Art satanischem Mastermind, das den Niedergang des Westens und der Demokratie an sich mit gezielten Schachzügen in die Wege geleitet hat.

Ich persönlich halte das für sehr unwahrscheinlich. Natürlich kann man hinter manchen Problemen russische Machenschaften vermuten – so ist es wohl nicht abwegig anzunehmen, daß von dort aus rechtspopulistische Parteien z.B in Deutschland mit Geldern oder Wahlkampfhilfen unterstützt werden.

Es gibt aber auch ein Gegenargument, das uns die Geschichte lehrt und in meinen Augen kaum von der Hand zu weisen ist:

Populisten treten da auf den Plan, wo es vielen Leuten wirtschaftlich schlecht geht.

Die westlichen Demokratien haben in den vergangenen Jahrzehnten die Scheere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgehen lassen. Während die “oberen Zehntausend” immer mehr Reichtum anhäufen, verarmt die für den Erhalt der Demokratie so wichtige Mittelschicht. Wenn dann jemand kommt und Sündenböcke und einfache Lösungen anbietet, wird derjenige auch gewählt.

Man darf es sich also nicht so einfach machen und einen Verursacher von außen vermuten. Eine starke Demokratie ist eine, in der es vielen Leuten gut geht. Die aktuellen Probleme hat sich der Westen größtenteils selbst zuzuschreiben, und unsere Regierungen täten gut daran, die Ursachen zu bekämpfen.

Mär 242013
 
Paparazzo-style_photographs_(2009_fake) Wolfgang H. Wögerer, Wien CC BY-SA

Ist es Ihnen schon mal passiert, daß ein Fremder mit vorgehaltener Kamera auf Sie zugelaufen ist und Sie dabei ununterbrochen fotografiert hat?

Nein?
Wahrscheinlich nicht. Die meisten Menschen wissen nämlich, daß ein solches Verhalten den grundsätzlichen Regeln der Höflichkeit widerspricht. Genau genommen gilt es als grobe Unverschämtheit, jemanden ohne vorherige Einwilligung zu fotografieren oder zu filmen (nur am Rande: die Veröffentlichung solcher Bilder ist sogar gesetzlich geregelt, durch das ‘Recht am eigenen Bild’).

Spinnen wir die Geschichte mal weiter: nehmen wir an, die Kamera dieses aufdringlichen Menschen wäre mit seinem Mobiltelefon verbunden und dieses Telefon würde über einen automatischen Abgleich mit Diensten wie Flickr, Picasa und Facebook automatisch ähnliche Bilder finden und sofort die Namenstags auf dem Bildschirm anzeigen, die irgend jemand aus Ihrem weiteren Bekanntenkreis eingetragen hat.

Ganz richtig: ein völlig Fremder hat Sie soeben fotografiert, identifiziert und alles über Sie erfahren, was es im Internet über Sie zu wissen gibt.
Sie haben nichts zu verbergen? Wirklich nicht? Stehen Sie gerade etwa zufällig vor dem Schaufenster von Orion oder Beate Uhse? Was machen Sie da eigentlich?

Genau das ist ‘Google Glass’. Eine Brille mit eingebauter Kamera, die alles aufnimmt, was der Benutzer sieht – und es gleich an Google weiterleitet. Auswertet. Katalogisiert. An Werbefirmen weiterverkauft.

Noch ist das Ganze nicht Wirklichkeit. Aber geht es nach dem Willen der Internet-Konzerne, wird es das bald sein. Google Glass ist das erste solche Projekt. Jede dieser Brillen wird ein Fenster sein, durch den der Internetkonzern in Echtzeit Daten aus der realen Welt abgreift. Was bei Street View so viel unnötigen Wirbel verursachte, nämlich die (damals noch eingebildete) Erfassung des gesamten öffentlichen Lebens, wird damit Realität.
Denn das ist es, was die Kamera-Brille wirklich ist: Millionen Augen für Google (oder für Microsoft, für Apple, für den Verfassungsschutz – je nach Anbieter). Das Ende jeder Anonymität.

Die Firma erlaubt sich mit dem Namen sogar noch – vielleicht unfreiwillig – einen bösen Scherz. Die meisten glauben, er sei von ‘Glasses’ (= Brille) abgeleitet. Dem besorgten Datenschützer drängt sich eine ganz andere Interpretation auf: durch ‘Glass’ wird (für Google) alles vollkommen transparent.

Einige sagen schon: so wie es heute sozial verträglich ist, in der Öffentlichkeit zu telefonieren, wird es auch bald das Tragen einer Daten- und Kamerabrille sein. Stimmt schon – der Nerd-Faktor einer solchen Brille nimmt ab, zumindest, wenn irgendwann auch das modische Design stimmt. Aber was ist mit der sozialen Komponente? Wollen wir alle zu Paparazzi werden? Sollen auch die grundlegenden Regeln unseres Zusammenlebens der Technologie und dem Datenhunger der Konzerne weichen?

Persönlich galube ich nicht, daß das passieren wird – zumindest nicht hier in Deutschland. Google Glass und vergleichbare Technologien werden bei uns extremen gesetzlichen Einschränkungen unterworfen sein, und das ist auch gut so. Denn bei aller Technologie-Begeisterung sollten wir nicht vergessen, daß kein Mensch an jedem Ort und zu jeder Zeit beobachtet, katalogisiert und – vor allem – beurteilt werden will.

Update

Im Netz gibt es bereits eine Initiative gegen das Projekt: Stop the Cyborgs. Auch das The 5 Point Cafe in Seattle hat vorsorglich einen Bann gegen die Brillen ausgesprochen.
Ein interessanter Bericht steht außerdem auf der Süddeutschen Zeitung, z.B. darüber, wie ein Glass-Testnutzer unbemerkt in einem Starbucks-Café filmte.

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Mär 232013
 
A_stack_of_newspapers (author: Daniel R. Blume, licensed under cc-by-sa-2.0) Daniel R. Blume CC BY-NC-SA

Mal ehrlich: vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, ist die Einstellung des Readers möglicherweise die richtige Entscheidung. Der typische Mainstream-Konsument, der dieser Tage die Hauptzielgruppe des Konzerns darstellt, liest kein RSS (übrigens das Kürzel für den etwas sperrigen Begriff ‘Really Simple Syndication’); er will sich seine Nachrichten nicht selbst zusammenstellen, sondern sich von seiner Lieblings-App einfach bedienen lassen. Unwichtig, ob die Nachrichten dabei vielleicht zu kurz, zu einseitig oder schlicht und einfach ungenügend recherchiert sind.
Tatsache ist aber: es gibt immer noch unendlich viele Nutzer, vor allem unter der etwas älteren, netzwerk-affinen Generation, zu der sich vor allem Informatiker und Journalisten zählen, aber auch andere Akademiker aller Couleur. Diejenigen, die großen Wert darauf legen, Nachrichten aus bekannten, vertrauenswürdigen Quellen zu erhalten, die sie selbst bestimmen.

Diesen Benutzerkreis verprellt Google. Vollständig. So mancher wird sich sicher überlegen, ob die Entscheidung für den Reader als zentrale News-Plattform weise war.
Des Weiteren hat sich um den Reader ein gewaltiges Ökosystem an Programmen und Apps gebildet, die ohne den Service gar nicht existieren können, da sie ihn als zentrales Repository verwenden. In die Programmierung dieser Anwendungen sind hunderte und tausende von Arbeitsstunden geflossen; manche sind kommerziell und tragen nicht unerheblich zum Einkommen ihrer Schöpfer bei. Diese Leute trifft Google hart und unerbittlich an der Stelle, wo es am meisten weh tut: ihnen wird ein Teil ihrer Existenzgrundlage genommen.

Selbst schuld? Teilweise schon. Wer sein Haus auf Grund baut, der in ein paar Jahren zum Opfer einer Autobahn werden könnte, handelt unklug. Da der Grund jemand anderem gehört, noch dazu einem gewinnorientierten Konzern, ist so etwas sogar wahrscheinlich.

Allerdings: eben dieser Konzern versucht uns seit Jahren dazu zu bringen, möglichst viele unserer Häuser auf eben seinem Territorium zu errichten, und weil das Land gar so schön und fruchtbar ist, tun wir das auch.
Aber jetzt hat uns Google selbst gezeigt, in welche Abhängigkeit wir uns damit begeben. Hier wird eine Autobahn gebaut – sorry, Leute. Eure Häuser bringen uns nicht genug Geld, und Eure Geschäfte müßt Ihr halt woanders aufmachen.

Mit der Einstellung des Readers stellt Google also das eigene Geschäftskonzept in Frage – und zwar gründlich. Was heute mit dem Reader geschieht, könnte in ein paar Jahren ebenso der Mail-, Kalender- oder Maps-Applikation blühen. Zugegeben: so lange genug Massenkonsumenten die Dienste verwenden, ist das unwahrscheinlich. Aber wie steht es mit weniger genutzten? Earth, Sketchup, Books, Movies? Gerade die letzteren beiden sind eine kitzlige Geschichte – schließlich hat so mancher von uns Geld in Bücher und Filme investiert, die beim Ausfall der Dienste dank DRM nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Das gibt einem richtig zu denken, oder?

Mär 022013
 
A_stack_of_newspapers (author: Daniel R. Blume, licensed under cc-by-sa-2.0) Daniel R. Blume CC BY-NC-SA

Liebe schwarz-gelbe Koalition!

Ihr habt Euch an ein großes Thema herangetraut und es – 150 Jahre, nachdem dieses überaus wichtige Gesetz zum ersten mal gefordert wurde – geschafft, endlich dafür zu sorgen, daß die verachtenswerten “Presseschauen” von der Bildfläche verschwinden. Diese schmarotzenden Zeitungsblätter gibt es zwar nicht mehr, sie wurden aber durch noch schlimmere Schmarotzer abgelöst, die in dem seltsamen Medium namens “Internet” existieren und ebenfalls davon zu leben scheinen, die wertschöpfende Arbeit anderer zu ihrem eigenen Zweck und Gewinn zu mißbrauchen.
Besonders betroffen von diesen umtriebigen Emporkömmlingen ist der traditionsreiche Axel-Springer-Verlag, dessen in mühevoller Kleinarbeit und mit immensem Rechercheaufwand entstandenen journalistischen Werke von Firmen wie Google dazu mißbraucht werden, die Geschöpfe des “Internets” zu den Seiten des Verlages zu leiten, um dort kostenlos eben diese wertvollen Werke zu lesen.

Man muß schon sagen: es wurde Zeit! Ihr seid die erste Bundesregierung, die diesen gewaltigen Mißstand aus der Welt schafft! Die armen leidenden Opfer erfahren endlich Gerechtigkeit.

Oder doch nicht?
Kleinste Ausschnitte und Wörter sind jetzt doch erlaubt? Also macht Google gar nichts falsch? Aber wen trifft es dann, außer einigen zitierfreudigen Bloggern (auch so eine wilde Spezies aus dem “Internet”)? Aber die waren doch “explizit” ausgenommen? Ich fürchte, mein Verständnis der Rechtslage reicht nicht aus, um Eure großartige Leistung recht zu würdigen. Ich höre aber von einem Freund – der ist Anwalt und kennt sich wirklich aus, denn er verdient sein Geld damit, Rechtsverstöße in diesem “Internet” aufzudecken und dessen seltsame Einwohner dafür zur Kasse zu bitten – daß dieses Gesetz richtig ist, so, wie Ihr es gemacht habt.

Also: herzlichen Glückwunsch zu dieser grandiosen Leistung. Und hört nicht auf die Horde von Anarchisten, Schmarotzern und Nein-Sagern, die Euch weismachen soll, daß Euer Gesetz spätestens im Bundesrat scheitern wird. Schließlich sitzen da auch Leute, die diesem “Internet” eher skeptisch gegenüberstehen und dafür sorgen wollen, daß wir zu den gutren alten Zeiten zurückkehren, in denen man noch sechs Zeitungen kaufte, um sich einen objektiven Überblick zu verschaffen.

Ein gebildeter Zeitungsabonnent

Jan 062013
 

Vor ein paar Tagen sah ich in der c’t ein Fachbuch, das ich haben wollte. Gesagt, getan – auf zu meinem bevorzugten Online-Buchhändler, gesucht und gefunden. Aber, da es sich um ein deutsches Buch handelt, dummerweise nicht als eBook.
Also bestellte ich zähneknirschend (weil es bedeutet, daß ich neben Telefon und Tablet noch ein Offline-Buch für die morgendliche Lektüre in der U-Bahn herumschleppe) diese Ausgabe.

Drei Tage später trifft das Buch ein – und was fällt mir sofort ins Auge?

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Ganz ehrlich, Ihr lieben Verlage: da könnt Ihr Euch von Hanser mal eine dicke Scheibe abschneiden. Hier hat wohl endlich mal jemand eingesehen, daß es eigentlich nicht angeht, dem Kunden für das selbe Buch ein zweites Mal in die Tasche zu greifen. Wirklich- ein dickes Lob dafür.

 Posted by at 8:46
Jan 182012
 
Imagine a World Without Free Knowledge
Imagine a World Without Free Knowledge wikipedia.org CC UNSPECIFIED

Die englischsprachige Wikipedia ist heute offline aus Protest gegen den zur Zeit im US-Parlament diskutierten SOPA-Act, der Zensur- und Strafmaßnahmen zum Schutz des Urheberrechts durchsetzen soll.

 Posted by at 12:54
Okt 292011
 

Codex Copiale

Kryptographie: Informatiker entschlüsseln 250 Jahre alte Geheimschrift – Golem.de.

Das ist natürlich nicht so seltsam, wie es sich anhört – schließlich war die Öffnung des Körpers im Mittelalter streng verboten. Trotzdem reizt es zum Schmunzeln, wenn sich in einer so genial verschlüsselten Schrift ‘Geheimnisse’ finden, die aus heutiger Sichtweise vermutlich eher profan wirken. Man wartet gespannt auf die Veröffentlichung des entschlüsselten Textes…

 Posted by at 8:10
Aug 132011
 

Krawalle in Großbritannien – Cameron will Randalierern staatliche Hilfen streichen – Politik – sueddeutsche.de.

Lieber Herr Cameron,

Die Stelle des psychologischen Beraters in Ihrem Stab scheint zur Zeit frei zu sein. Ich bin zwar eigentlich Software-Entwickler und hatte Psychologie nur als Nebenfach, aber ich bin sicher, daß Ihnen selbst meine rudimentären Kenntnisse der Lernpsychologie von großem Nutzen sein könnten. Speziell zum Thema der Wirksamkeit von negativer Verstärkung (das Fachwort für Bestrafung) könnte ich Ihnen einige wertvolle Hinweise geben. Auch der Zweig ‘Entwicklungspsychologie’ könnte hilfreich für Ihre zukünftige Regierung sein – lehrt er doch, daß Kinder in geordneten, liebevollen Verhältnissen aufwachsen sollten, um sich später nicht aggressiv gegenüber ihren Mitmenschen zu verhalten. Eine gute Grundversorgung würde dabei ebenso helfen.

Bitte verstehen Sie, daß ich Ihnen nicht alle Tips gleichzeitig an dieser Stelle geben kann – dies würde den Umfang dieses Bewerbungsschreibens in unerwünschter Weise aufblähen und würde außerdem meinen Marktwert schwächen.

In Hoffung auf eine gute Zusammenarbeit,
Ihr F.S.

 Posted by at 11:17
Jun 222011
 

Tja, da sieht man mal wieder, wie schnell einen neue Entwicklungen überrollen und liebgewonnene Wahrheiten plötzlich falsch sind.

Der Dienst encipher.it verschlüsselt tatsächlich nicht (wie von mir zunächst angenommen) auf dem Server des Anbieters (was bedeuten würde, daß man den zu verschlüsselnden Text im Klartext an diesen sendet). Das angebotene Bookmarklet lädt nämlich tatsächlich eine JavaScript-basierte Implementierung der Algorithmen AES und SHA-1 in den Browser herunter, der sie dann direkt ausführt.

Hiermit nehme ich also meine etwas voreilige Bewertung zurück. Eines möchte ich bezüglich der Sicherheit des Dienstes aber noch zu bedenken geben: im Gegensatz zu einer normalen ‘offline’-Cryptolösung werden die Bibliotheken von encipher.it bei jedem Einsatz neu vom Server des Anbieters geladen. Man muß diesem also durchaus ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbringen. Dieser Nachteil wird allerdings durch die Tatsache aufgehoben, daß die .js-Dateien im Klartext vorliegen und damit jederzeit von jedem kontrolliert werden können.

Vielen Dank an Andi Heilemann für seinen Korrekturhinweis!

 Posted by at 7:42