Mär 242013
 
Paparazzo-style_photographs_(2009_fake) Wolfgang H. Wögerer, Wien CC BY-SA

Ist es Ihnen schon mal passiert, daß ein Fremder mit vorgehaltener Kamera auf Sie zugelaufen ist und Sie dabei ununterbrochen fotografiert hat?

Nein?
Wahrscheinlich nicht. Die meisten Menschen wissen nämlich, daß ein solches Verhalten den grundsätzlichen Regeln der Höflichkeit widerspricht. Genau genommen gilt es als grobe Unverschämtheit, jemanden ohne vorherige Einwilligung zu fotografieren oder zu filmen (nur am Rande: die Veröffentlichung solcher Bilder ist sogar gesetzlich geregelt, durch das ‘Recht am eigenen Bild’).

Spinnen wir die Geschichte mal weiter: nehmen wir an, die Kamera dieses aufdringlichen Menschen wäre mit seinem Mobiltelefon verbunden und dieses Telefon würde über einen automatischen Abgleich mit Diensten wie Flickr, Picasa und Facebook automatisch ähnliche Bilder finden und sofort die Namenstags auf dem Bildschirm anzeigen, die irgend jemand aus Ihrem weiteren Bekanntenkreis eingetragen hat.

Ganz richtig: ein völlig Fremder hat Sie soeben fotografiert, identifiziert und alles über Sie erfahren, was es im Internet über Sie zu wissen gibt.
Sie haben nichts zu verbergen? Wirklich nicht? Stehen Sie gerade etwa zufällig vor dem Schaufenster von Orion oder Beate Uhse? Was machen Sie da eigentlich?

Genau das ist ‘Google Glass’. Eine Brille mit eingebauter Kamera, die alles aufnimmt, was der Benutzer sieht – und es gleich an Google weiterleitet. Auswertet. Katalogisiert. An Werbefirmen weiterverkauft.

Noch ist das Ganze nicht Wirklichkeit. Aber geht es nach dem Willen der Internet-Konzerne, wird es das bald sein. Google Glass ist das erste solche Projekt. Jede dieser Brillen wird ein Fenster sein, durch den der Internetkonzern in Echtzeit Daten aus der realen Welt abgreift. Was bei Street View so viel unnötigen Wirbel verursachte, nämlich die (damals noch eingebildete) Erfassung des gesamten öffentlichen Lebens, wird damit Realität.
Denn das ist es, was die Kamera-Brille wirklich ist: Millionen Augen für Google (oder für Microsoft, für Apple, für den Verfassungsschutz – je nach Anbieter). Das Ende jeder Anonymität.

Die Firma erlaubt sich mit dem Namen sogar noch – vielleicht unfreiwillig – einen bösen Scherz. Die meisten glauben, er sei von ‘Glasses’ (= Brille) abgeleitet. Dem besorgten Datenschützer drängt sich eine ganz andere Interpretation auf: durch ‘Glass’ wird (für Google) alles vollkommen transparent.

Einige sagen schon: so wie es heute sozial verträglich ist, in der Öffentlichkeit zu telefonieren, wird es auch bald das Tragen einer Daten- und Kamerabrille sein. Stimmt schon – der Nerd-Faktor einer solchen Brille nimmt ab, zumindest, wenn irgendwann auch das modische Design stimmt. Aber was ist mit der sozialen Komponente? Wollen wir alle zu Paparazzi werden? Sollen auch die grundlegenden Regeln unseres Zusammenlebens der Technologie und dem Datenhunger der Konzerne weichen?

Persönlich galube ich nicht, daß das passieren wird – zumindest nicht hier in Deutschland. Google Glass und vergleichbare Technologien werden bei uns extremen gesetzlichen Einschränkungen unterworfen sein, und das ist auch gut so. Denn bei aller Technologie-Begeisterung sollten wir nicht vergessen, daß kein Mensch an jedem Ort und zu jeder Zeit beobachtet, katalogisiert und – vor allem – beurteilt werden will.

Update

Im Netz gibt es bereits eine Initiative gegen das Projekt: Stop the Cyborgs. Auch das The 5 Point Cafe in Seattle hat vorsorglich einen Bann gegen die Brillen ausgesprochen.
Ein interessanter Bericht steht außerdem auf der Süddeutschen Zeitung, z.B. darüber, wie ein Glass-Testnutzer unbemerkt in einem Starbucks-Café filmte.

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Mär 232013
 
A_stack_of_newspapers (author: Daniel R. Blume, licensed under cc-by-sa-2.0) Daniel R. Blume CC BY-NC-SA

Mal ehrlich: vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, ist die Einstellung des Readers möglicherweise die richtige Entscheidung. Der typische Mainstream-Konsument, der dieser Tage die Hauptzielgruppe des Konzerns darstellt, liest kein RSS (übrigens das Kürzel für den etwas sperrigen Begriff ‘Really Simple Syndication’); er will sich seine Nachrichten nicht selbst zusammenstellen, sondern sich von seiner Lieblings-App einfach bedienen lassen. Unwichtig, ob die Nachrichten dabei vielleicht zu kurz, zu einseitig oder schlicht und einfach ungenügend recherchiert sind.
Tatsache ist aber: es gibt immer noch unendlich viele Nutzer, vor allem unter der etwas älteren, netzwerk-affinen Generation, zu der sich vor allem Informatiker und Journalisten zählen, aber auch andere Akademiker aller Couleur. Diejenigen, die großen Wert darauf legen, Nachrichten aus bekannten, vertrauenswürdigen Quellen zu erhalten, die sie selbst bestimmen.

Diesen Benutzerkreis verprellt Google. Vollständig. So mancher wird sich sicher überlegen, ob die Entscheidung für den Reader als zentrale News-Plattform weise war.
Des Weiteren hat sich um den Reader ein gewaltiges Ökosystem an Programmen und Apps gebildet, die ohne den Service gar nicht existieren können, da sie ihn als zentrales Repository verwenden. In die Programmierung dieser Anwendungen sind hunderte und tausende von Arbeitsstunden geflossen; manche sind kommerziell und tragen nicht unerheblich zum Einkommen ihrer Schöpfer bei. Diese Leute trifft Google hart und unerbittlich an der Stelle, wo es am meisten weh tut: ihnen wird ein Teil ihrer Existenzgrundlage genommen.

Selbst schuld? Teilweise schon. Wer sein Haus auf Grund baut, der in ein paar Jahren zum Opfer einer Autobahn werden könnte, handelt unklug. Da der Grund jemand anderem gehört, noch dazu einem gewinnorientierten Konzern, ist so etwas sogar wahrscheinlich.

Allerdings: eben dieser Konzern versucht uns seit Jahren dazu zu bringen, möglichst viele unserer Häuser auf eben seinem Territorium zu errichten, und weil das Land gar so schön und fruchtbar ist, tun wir das auch.
Aber jetzt hat uns Google selbst gezeigt, in welche Abhängigkeit wir uns damit begeben. Hier wird eine Autobahn gebaut – sorry, Leute. Eure Häuser bringen uns nicht genug Geld, und Eure Geschäfte müßt Ihr halt woanders aufmachen.

Mit der Einstellung des Readers stellt Google also das eigene Geschäftskonzept in Frage – und zwar gründlich. Was heute mit dem Reader geschieht, könnte in ein paar Jahren ebenso der Mail-, Kalender- oder Maps-Applikation blühen. Zugegeben: so lange genug Massenkonsumenten die Dienste verwenden, ist das unwahrscheinlich. Aber wie steht es mit weniger genutzten? Earth, Sketchup, Books, Movies? Gerade die letzteren beiden sind eine kitzlige Geschichte – schließlich hat so mancher von uns Geld in Bücher und Filme investiert, die beim Ausfall der Dienste dank DRM nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Das gibt einem richtig zu denken, oder?

Nov 152011
 
Nuclear Power Plant - Grohnde - Germany (author: Heinz-Josef Lücking, licensed under cc-by-sa 3.0 de share-alike) Heinz-Josef Lücking CC BY-SA

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/eon190.html

Wozu eigentlich ein Atomgesetz?
Warum zwingen wir nicht statt dessen einfach die AKW-Betreiber, ihre Kraftwerke gegen mögliche Risiken zu  versichern?  Wenn man sich den Erwartungswert ansieht, werden die monatlichen Prämien so bei 99 999 998,99 € liegen…

Jul 302011
 

Die Anschläge von Oslo haben 76 Tote gefordert. Was ist passiert? Ein Geistesgestörter, stark beeinflußt von rechtspopulistischem bzw. -radikalem Gedankengut, hat auf einem Bauernhof irgendwo in Norwegen Bomben gebaut und diese im Regierungsviertel von Oslo gezündet. Danach fuhr er zu der Insel Utöya und ermordete dort 68 Teilnehmer eines Jugendcamps der solzialistischen Arbeiterpartei.

Utøya_2 Paal Sørensen 2011 CC BY-SA

Während die norwegische Regierung trotz des landesweiten Schocks mit Besonnenheit auf die Anschläge reagiert, werden hierzulande schon wieder Rufe nach verschärfter Sicherheit laut. Insbesondere die Vorratsdatenspeicherung wird als Allheilmittel gegen terroristische Anschläge aller Couleur gepriesen, was schlicht und einfach Blödsinn ist: jeder mit einem Minimum an Fachkenntnis kann sich sehr schnell ausrechnen, warum solch ein Instrument bestenfalls bei der Aufklärung, niemals aber bei der Verhinderung von Anschlägen helfen kann.

Das Gleiche gilt für die Rasterfahndung. Angenommen, eine totale Überwachung jedweden Gedankenguts, das im Internet veröffentlicht bzw. per email, SMS oder der guten alten Snail-Mail versendet wird, wäre möglich: wer bitte soll hier entscheiden, was von einem echten Terroristen stammt und was von einem Jugendlichen, der mal probiert, wieviel Aufmerksamkeit er erregen kann? Mal davon abgesehen: die meisten Terroristen sind schlau genug, *zuerst* ihre Anschläge zu begehen und sich *danach* dazu zu bekennen.

Tatsache ist: Man kann Anschläge nicht verhindern, genau so wenig, wie man verhindern kann, im Münchner Westpark Opfer eines Raubüberfalls zu werden. Die Polizei und die zugehörigen staatlichen Instrumente sind dafür da, einen bestimmten *Grad* an Sicherheit zu gewährleisten. Raubüberfälle im Münchner Westpark sind tatsächlich ziemlich unwahrscheinlich, ebenso wie ein Mann, der in ein Jugendcamp fährt und dort gezielt Leute erschießt. Dennoch kann beides geschehen, und es gibt dagegen keinen hundertprozentigen Schutz.

Auch in Zukunft werden Menschen bei Verkehrsunfällen sterben, Krebs bekommen oder Opfer von Raubüberfällen sein. Auch in Zukunft kann ein Geistesgestörter Sprengstoff aus Dünger und Waschmittel zusammenmixen, sich eine Knarre besorgen und damit Leute erschießen.

Tragische Vorfälle wie die Anschläge von Oslo vermitteln ein Gefühl der Hilflosigkeit und, daraus resultierend, Angst. Ein unangenehmes Gefühl, eines, das die Lebensqualität stark mindert. Man will es loswerden. Man will etwas tun, um keine Angst mehr haben zu müssen.

Das Tragische am menschlichen Dasein ist, daß sich die Angst meistens schon mindert, wenn man
irgendetwas tut – durch puren Aktionismus. Dieses ‘Wir tun was’-Gefühl hilft meistens in etwa bis zur nächsten Katastrophe. Wirklich verhindern können wir damit aber nichts.

Ich möchte damit nicht ausdrücken, daß man klare Defizite in Sachen Sicherheit nicht beseitigen sollte. Im Fall B. hat es solche Defizite aber schlicht und einfach nicht gegeben, und deshalb läßt sich auch nichts Grundlegendes verbessern. Die schmerzhafte Botschaft dieses Blogeintrags ist deshalb: die Angst, welche die Anschläge von Oslo und Utöya in uns hervorgerufen haben, kann nicht durch Verbesserung unserer Sicherheit gemindert werden. Natürlich: wir könnten aufhören, unsere Kinder in Jugendcamps zu schicken. Wir könnten jede größere Veranstaltung durch eine Hundertschaft an Polizisten mit Maschinenpistole bewachen lassen. Aber – von der Frage unserer persönlichen Freiheit mal ganz abgesehen – erreichen werden wir damit nicht viel, außer vielleicht einem persönlichen Gefühl des ‘Wir tun was.’. Letzten Ende bleibt gegen die Angst nur das, was Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten getan haben: auch, wenn an jedem Tag ein neues Unglück geschehen kann, man muß seine Angst beherrschen und sein Leben trotzdem weiterleben.

Mai 282011
 

Der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bewirbt sich (satirisch) für den Posten des ZDF-Intendanten.

Seidls Vorschläge zur Programmveränderung: Es soll im Öffentlich-Rechtlichen nichts mehr laufen, was es auch auf den Privatsendern gibt – die dafür keine Gebühren brauchen.

Seidl: Satire-Bewerbung als ZDF-Intendant – Ich bin der Kandidat – Medien – sueddeutsche.de.

Ich bin leider kein Facebook-Mitglied (mehr), kann deshalb nicht auf den ‘Like’-Button drücken – ich drücke mein Wohlgefallen einfach mal auf diesem Weg aus und füge gleich noch ein paar Dinge hinzu, die ich mir vom Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen wünsche, das ich mit meiner Runkfunkgebühr finanziere:

  • Unabhängigkeit (es geht nicht an, daß ein Ministerpräsident den ZDF-Intendanten einfach absägt, wenn ihm seine Nase nicht paßt).
  • Keine Gewinnorientierung. Allein schon die Idee, uns die mit unseren Gebühren finanzierten Sendungen per VoD zu verkaufen, ist ein Skandal.
  • Verfügbarkeit. Ich will die von mir finanzierten Sendungen nicht nur für 7 Tage, sondern immer abrufen können – und es ist mir wurscht, ob das dem Privatfernsehen paßt oder nicht.

Ein Gedanke: hätten die Sendungen des ZDF tatsächlich die von Herrn Seidl geforderte Qualität, müßte man sie nicht depublizieren. Ich schließe mich seiner Forderung voll und ganz an und würde mir wünsche, daß es nicht nur eine Satire ist.

 Posted by at 15:56
Jun 042010
 

ZDF Heute-Journal: Köhler von Bloggern zu Fall gebracht? : netzpolitik.org.

Die Berichterstattung des ZDF ist mal wieder wirklich sehenswert (hat Roland Koch nicht kürzlich erst bewiesen, daß das aus GEZ-Mitteln finanzierte ZDF in Wirklichkeit verkapptes Staatsfernsehen ist)?

Ein Blogger soll Köhler zu Fall gebracht haben? Nur dadurch, daß er die verschlafenen ‘großen’ Medien auf eine Äußerung des Präsidenten aufmerksam gemacht hat, die Pazifisten ein Dorn im Auge sein könnte?

Mahl erhlich: wenn bloße mediale Aufmerksamkeit ausreichen würde, um den Inhaber eines so hohen politischen Amtes in die Knie zu zwingen, dann hätten wir alle paar Monate einen neuen Präsidenten und alle paar Tage einen neuen Bundeskanzler(In). Dann wäre Karl-Theodor zu Guttenberg sicher nicht mehr im Amt als Verteidigungsminister.

Was auch immer Köhler zum Rücktritt bewogen hat: Schuldgefühle wegen seiner Äußerungen oder die Wut von Kriegsgegnern waren es sicher nicht. Die Entscheidung hat nur einer getroffen: der Bundespräsident selbst. Die wahren Gründe liegen im Dunkeln und werden wahrscheinlich auch nie aufgedeckt.

Zu beachten ist jedoch die Wirkung seiner vorgeschobenen Gründe: sein Rücktritt wirkt unglaubwürdig, mimosenhaft und schwach. Es ist außerdem ein Schlag ins Gesicht des Deutschen Volkes, und ein dunkler Fleck auf dem ehrbaren Amt des Bundespräsidenten.

 Posted by at 10:38
Mai 212010
 

Es ist schon etwas bedauerlich, wenn ein Magazin oder eine Webseite, die an sich hervorragend recherchiert und durchdachte Artikel liefert, sich zu einer haltlosen und einseitigen Filmkritik hinreißen läßt:

TP: “Prince of Persia – Der Sand der Zeit”.

Lieber Herr Suchsland! Ganz gleich, was man vom heutigen Hollywood Kino im Allgemeinen und von Computerspielverfilmungen im Besonderen halten mag:

Dieser Film ist nicht, wie von Ihnen vermutet, ein reines Merchandising-Produkt, das auf dem ursprünglichen ‘Prince of Persia’ mit seiner Klötzchengrafik basiert und mit einer banalen Story aufgepeppt wurde. Ganz im Gegenteil, es handelt sich um die Verfilmung des 2003 erschienenen Spiels ‘Prince of Persia – The Sands of Time’  und seiner relativ komplexen Storyline.

Ob diese Verfilmung auch gelungen ist, wird sich für mich herausstellen, wenn ich den Film sehe. Die Telepolis-Kritik, die auf vollständiger Unwissenheit und Unkenntnis der Tatsachen beruht, werde ich aber nicht zur Bildung meiner Meinung heranziehen.

Update

Ich hatte heute abend das Vergnügen, den Film selbst im Kino zu sehen – ohne 3D, was man den Machern bereits zugute halten sollte.

Der Anfang des Films war mir etwas zu rasch und hektisch – die Geschichte des Bettlerjungen, den der König von Persien zum Prinzen macht, hätte ruhig etwas feinfühliger und emotionaler erzählt werden dürfen. Danach nimmt die Handlung des Filmes aber rasch an Fahrt auf und zieht den Zuschauer bis zum Abschluß in ihren Bann. Große Enthüllungen, Überraschungen und philosophischen Tiefgang such man vergebens. Dieser Film ist ein Märchen mit Action, er spielt in derselben Liga wie Star Wars, Indiana Jones oder Pirates of the Caribbean – spannend, schnell und unterhaltsam. Mehr will er nicht sein, mehr muß er nicht sein. Die Darstellung ist sehenswert, die Schauspieler gut bis sehr gut. Da schließe ich mich dem Urteil des IMDb-Publikums (6.6 von 10 Punkten) gerne an.

 Posted by at 20:10
Jan 312010
 

2,5 Millionen € hat ein ‘Informant’ für eine CD verlangt, die zur Aufdeckung einer großen Zahl Fälle von Steuerhinterziehung führen könnte.

Die Regierung zögert; die SPD wirft ihr deshalb ‘Clientelpolitik’ vor.

Jetzt mal im Ernst, liebe Politiker: habt Ihr eigentlich überhaupt keinen Begriff mehr von Anstand und Ehre? Allein die Überlegung, eine solche CD zu kaufen, ist für mich ein Beweis dafür, daß Ihr jeglichen Boden unter den Füßen verloren habt.

Ihr erwägt ernsthaft, einem Kriminellen 2, 5 Millionen € an Steuergeldern in den Rachen zu schieben? Das wegen der Aussicht auf einen höheren Gewinn an zurückerlangten Steuereinnahmen?

Nur mal so nebenbei: auch wenn die verschwindend geringe Möglichkeit besteht, daß es sich um einen kleinen Computerhacker im stillen Kämmerlein handelt: viel wahrscheinlicher ist doch, daß dieser ‘Informant’ Mitglied einer kriminellen Organisation ist. In Anbetracht der Tatsache, daß vermutlich nur wenige Angehörige der deutschen Oberschicht noch niemals Steuerhinterziehung begangen haben, wäre ein solches Geschäft nur der Beginn. Weitere ‘Informationen’ dieser Art würden ohne Zweifel folgen. Nicht lange, und so mancher Industrieboß oder Spitzenpolitiker würde alles dafür tun, um nicht auf einer solchen Liste zu erscheinen. Sprich: mit dem Beginn eines solchen Handels würde sich die Führung der BRD erpreßbar machen.

Auch wenn ich es prinzipiell für gut halte, wenn Steuersünder gefaßt werden und nachzahlen müssen: das kann es nicht wert sein. Wie es immer so schön heißt: “mit Terroristen wird nicht verhandelt”. Ich würde sagen, daß für kriminelle Organisationen aller Couleur das Gleiche gelten sollte!


 Posted by at 10:00
Dez 292009
 

Gerade scheint das Thema ‘Terror’ etwas abzuflauen, passiert es: ein islamistischer Attentäter wird auf einem Flug nach Detroit von Passagieren und Flugbegleitern überwältigt, als er einen Zweikomponenten-Sprengstoff zu zünden versucht, dessen Bestandteile er am Körper mit sich herumträgt.

Schnell wird wieder der Ruf laut nach mehr Sicherheit im Flugverkehr. Wie konnte der Sprengstoff durch die Kontrollen in Amsterdam gelangen? Hätte man ihn mit besserer Ausrüstung entdecken können?

This image is a work of a United States Department of Homeland Security employee, taken or made during the course of an employee's official duties. As a work of the U.S. federal government, the image is in the public domain (17 U.S.C. § 101 and 105).

Aufnahme eines Körperscanners (es handelt sich nach Definition der dt. Politik um eine Strichzeichnung, nicht um Pornographie)

Wie zufällig hat die Polizei schon das entsprechende Werkzeug im Köfferchen: Nacktscanner müssen her. Wer’s nicht weiß: ein Körper- oder Nacktscanner ist ein mit geringer Intensität arbeitendes Röntgengerät, dessen Strahlung nicht die Haut durchdringt sondern davon – und von den Gegenständen am Körper – reflektiert wird (s. Artikel auf Wikipedia). Diese Strahlung ist angeblich unschädlich für den Menschen. Gilt das auch für Vielreisende? “Ja”, sagen Hersteller und Polizei.

Die zweite Frage: wie fühlen sich die Passagiere, vor allem die Frauen, die sich in den Scanner begeben, um sich nackt auf dem Bildschirm eines Zollbeamten zu zeigen? Wie fühlen sich die Zollbeamten, die acht Stunden am Tag diese Peepshow über sich ergehen lassen?

Die deutsche Politik reagierte in den letzten Tagen mit einer breiten Front der Ablehnung (Artikel auf heise online). Plötzlich aber bröckelt der Wiederstand. Die Privatsphäre der gescannten Personen ließe sich schon irgendwie gewährleisten, hört man da (wie genau eigentlich?). Zu der Frage, ob Nacktscanner tatsächlich einen Sicherheitsgewinn bedeuten, ertönt ein klares ‘vielleicht’:

Mit einem der umstrittenen “Nacktscanner” wäre der Detroit-Attentäter nach Ansicht niederländischer Experten vermutlich erwischt worden. Zumindest hätte es eine größere Chance gegeben, den am Körper des Mannes versteckten Sprengstoff zu entdecken, erklärte der Betriebsdirektor des Amsterdamer Airports Schiphol, Ad Rutten, nach Angaben der Zeitung de Volkskrant (Zitat von sueddeutsche.de).

Zumindest hätte es eine größere Chance gegeben… es hätte zweifellos auch eine größere Chance gegeben, wenn der Attentäter bereits beim Check-in abgewiesen worden wäre. Denn: es handelt sich keineswegs um einen Unbekannten, sondern um einen bekannten Islamisten, der auf der Liste potentieller Terroristen steht und dessen eigener Vater die amerikanischen Behörden zuvor eindringlich vor seinem Sohn warnte.

Hier die Frage: werden die existierenden Sicherheitsvorkehrungen überhaupt ausreichend genutzt? Oder dienen sie nur dazu, den europäischen Staaten Bankverbindungsdaten abzupressen (Stichwort SWIFT)?

Zurück zu den Nacktscannern: warum schmilzt der Widerstand, der  in den letzten Tagen noch so deutlich war, plötzlich dahin? Warum sind sie auf einmal ‘vermutlich’ von Nutzen? Liegt es daran, daß im Keller des deutschen Bundestages mehrere dieser Geräte vor sich hinstauben? Liegt es daran, daß die deutsche Polizei diese Geräte schon länger ohne Wissen der Politik testet und so überhaupt nicht erbaut ist über diese plötzliche Publicity? Oder ist der Grund intensive Lobbyarbeit seitens der Hersteller?

Ohne irgendwelchen Verschwörungstheorien anheimfallen oder Nahrung geben zu wollen, möchte ich an dieser Stelle die Frage stellen: wer profitiert am meisten von der Situation?

Tatsächlich mehr Sicherheit versprechen diese Geräte nämlich nicht. Auch wenn das Pulver am Bein des Attentäters oder die kleine Spritze mit der zweiten Komponente dadurch ‘vielleicht’ entdeckt worden wäre, gilt doch der Grundsatz, daß Terroristen von den existierenden Sicherheitsmaßnahmen selten überrascht werden. Kurz gesagt: gäbe es Nacktscanner, hätte der Nigerianer den Sprengstoff ohne weiteres an einem anderen Ort verstecken können – selbst mir als Laie ist bekannt, daß die Kontrolleure am Flughafen gewöhnlich nicht den Dickdarm der Passagiere durchsuchen (auch Nacktscanner sehen da nicht hinein).

Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, daß es keine vollständige Sicherheit gibt. Was aber existiert, ist die reale Gefahr, schon bald in einem Land zu leben, in dem aus Angst vor dem Terror niemand mehr Geheimnisse hat.

Sep 132009
 

Die taz hat ein recht interessantes Interview mit Frau Zypries von der SPD gemacht. Ohne auf die weiteren Inhalte eingehen zu wollen (dazu gibt es bereits einen wie immer guten Artikel auf netzpolitik.org) möchte ich einenen Dialog herausgreifen, über den ich gestolpert bin:

taz: Die Umwelt- und Alternativbewegung und die aus ihr entstehenden Grünen wurden am Anfang auch nicht ernst genommen. Plötzlich saßen sie in den Parlamenten. Könnte das nicht wieder passieren?

Zypries: Es reicht nicht, wenn sich die Programmatik einer Partei darin erschöpft, einem Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen nach dem Motto: wir sind jung, wir kennen das Netz und ihr Alten versteht davon nichts. Was die Piratenpartei zudem von den Grünen in ihren Anfängen unterscheidet: Ihr fehlen die Galionsfiguren mit politischem Profil, wie beispielsweise Otto Schily oder Joschka Fischer.

Das stimmt. Die Piratenpartei hat keine wirklichen Galionsfiguren, von dem eher berüchtigten als berühmten Jörg Tauss mal abgesehen. Betrachtet man die Piraten aus der Sicht einer Politikerin der alten Schule, versteht man leicht, warum sie die neue Partei nicht als Bedrohung sieht.

Galion der HMS Victory (author: McKari, see http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Lizenzvorlagen_f%C3%BCr_Bilder vor license)

Galion der HMS Victory (author: McKari, licensed under cc-by-sa v3.0)

Hat sich Frau Zypries’ Sicht auf die Dinge seit gestern geändert? Immerhin waren  auf der  ‘Freiheit statt Angst’-Demo in Berlin mehr als 25000 Leute: eine ganz schöne Leistung für eine Bewegung (und damit sind jetzt nicht ausschließlich die Piraten gemeint) ohne Galionsfiguren und damit -nach Frau Zypries’ Interpretation – ohne jede politische Einflußkraft.

Vielleicht sollte die Dame ihre Meinung an dieser Stelle tatsächlich überdenken. Denn sie mokiert sich über den Vorwurf, das Internet nicht zu verstehen, und gibt ihm gleich im nächsten Satz neue Nahrung. Genau hier ist nämlich einer der Punkte, an dem, getragen durch das Internet, eine essenzielle Verschiebung im System von Macht und Einfluß stattfindet: die Netzgemeinschaft braucht keine Galionsfiguren, die für sie sprechen.

Die Netzgemeinschaft macht Politik nicht analog, sondern digital, nicht auf Makro-, sondern auf Mikroebene. Die Politik der Netzgemeinschaft äußert sich nicht in den Reden charismatischer Führer mit großer Klappe und perfekter Rhetorik, sondern im Gemurmel jedes einzelnen Mitglieds.

Hier liegt der große Unterschied: was früher ungehört an den Stammtischen verhallte, verbreitet sich im Netz in Windeseile, wird aufgegriffen und mit jeder Wiederholung verstärkt. Je populärer eine Meinung ist, um so lauter klingt sie auch im Netz wieder.

Da das Netz es erlaubt, mühelos und ohne finanziellen Aufwand die eigene Meinung zu äußern, erleben wir hier zum ersten Mal wahre Demokratie: eine echte Mehrheitsentscheidung ohne die Notwendigkeit, sich zu finanzstarken Lobbies zusammenzuschließen. Das ist es auch, was Politik und Wirtschaft am meisten daran fürchten – wahrscheinlich nur auf einer unterbewußten Ebene: nämlich, daß Politik in Zukunft nicht mehr nur von den Reichen und Mächtigen gemacht wird, daß die Wähler in Zukunft nicht mehr nur über vorgekaute Parteiprogramme ohne wirklichen Hintergrund und Absicht abstimmen, sondern tatsächlichen Einfluß auf einzelne Themen nehmen. Das ursprünglich behäbige Instrument des Volksentscheids wird durch das Netz zu einem effizienten Mittel echter Mehrheitsentscheidungen und könnte über kurz oder lang die Lobbypolitik zu einem Schattendasein verdammen.

Die Politiker, die die Politik von heute mit den Mitteln von gestern machen, sollten sich besser warm anziehen. Hier steht eine große Veränderung bevor, und die könnte sie eines Tages ihre Jobs kosten.

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